Alles geben
In den letzten Jahren haben zufällige, freundliche Gesten deutlich an Popularität gewonnen. Das kann eine Geste der Freundlichkeit gegenüber einem Fremden sein, wie z.B. der Person in der Schlange hinter dir den Einkauf zu bezahlen oder einen Kaffee zu kaufen, in dem Wissen, dass Obdachlose sich kein Heißgetränk leisten können. Ich kenne eine Frau, die Blumen häkelt und für andere hinterlässt, damit diese sie finden.
Manche freundliche Gesten sind jedoch eher absichtlicher Natur. Sie bestehen darin, an jemand Bekanntes zu denken und etwas für die Person zu tun. Das kann eine ermutigende Nachricht sein oder ein Geschenk zu hinterlassen, ohne dass die Person weiß, von wem es ist.
Als ich mit meinem zweiten Kind hochschwanger war und mein ältester Sohn gerade zwei Jahre alt war, wurde mir solch eine Geste der Freundlichkeit zuteil. Ich hatte einen harten Tag, innerhalb der Familie war viel los und meine Gefühle waren völlig durcheinander. Ich beschloss, mit meinem Sohn essen zu gehen. Als ich gerade zahlen wollte, wurde mir gesagt, dass unser Essen bereits bezahlt war. Jemand hatte mich gesehen und beschlossen, mich und meinen Sohn mit einem kostenlosen Essen zu segnen. Diese Freundlichkeit habe ich nie vergessen.
Kurz vor der heutigen Bibelstelle in Markus 12, 3-40 warnt Jesus vor den religiösen Führern, die in ihren schicken Gewändern herumliefen und aufwändige Begrüßungen vornahmen. Sie beteten lange Gebete an öffentlichen Plätzen, damit jeder es sehen und hören konnte. Sie krallten sich die besten Plätze in den Synagogen und nahmen bei einem Festmahl stets die besten Plätze ein. Sie wollten gesehen werden. Und gleichzeitig „betrügen sie Witwen schamlos um ihren Besitz“ (Markus 12, 40). Unfairerweise nahmen sie von denen, die am ärmsten und verletzlichsten in der Gesellschaft waren. Jesus schlussfolgerte daraus, dass „ihre Strafe umso härter sein wird“.
In diesem Kontext sehen wir nun also Jesus und die Jünger, wie sie den Opferstock beobachten. Da waren die Wohlhabenden, die große Mengen gaben. Und dann kam diese arme Witwe. Sie gab so wenig, doch Jesus erklärte Seinen Jüngern, dass sie „mehr gegeben [hat] als alle anderen“. Ich kann mir ihre verwirrten Gesichter geradezu vorstellen: Nein, hat sie nicht, sie hat gerade einmal zwei kleine Münzen gespendet! Wir haben sie gesehen! Jesus jedoch kannte die Frau. Er sah sie und Er kannte ihr großzügiges Herz. Sie hatte alles, was sie zum Leben hatte, gegeben! Sie hat Gott buchstäblich alles gegeben.
Das Volk Gottes sollte großzügig sein und damit die viel größere Großzügigkeit widerspiegeln, die Er uns gegenüber gezeigt hast. Wenn wir in der Apostelgeschichte von den ersten Gemeinden lesen, dann werden wir überwältigt von der Großzügigkeit des Volkes Gottes und davon, wie sie sich umeinander kümmerten. Doch selbst da gab es ein Paar, Hananias und Saphira, die großzügig dastehen wollten, währenddessen sie auf betrügerische Art und Weise einen Teil des Geldes, das sie verdienten, zurückhielten. Als sie damit konfrontiert wurden und logen, fielen sie tot um. Das Problem war nicht, dass sie einen Teil des Geldes aus dem Ackerverkauf behielten. Das Problem war ihr Betrug; dass sie als großzügig angesehen werden wollten, ihre Herzen es aber nicht waren (siehe Apostelgeschichte 5, 1-11).
Wir müssen ehrlich mit uns selbst sein. Sind wir wirklich großzügig? Rechnen wir uns aus, was die geringste Menge ist, die wir geben können? Suchen wir danach, dass andere uns dafür loben, dass wir Menschen helfen? Wie fühlen wir uns, wenn sich niemand bei uns bedankt?
Halten wir uns nur wenig an den vergänglichen Dingen dieser Welt fest und sind stattdessen großzügig mit allem, was uns geschenkt wurde? Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um unsere Zeit, unsere Worte, unser Zuhause, unsere Autos, unser Essen, und sogar um die besten Plätze! Wir können großzügig sein, wenn wir anderen vergeben und geduldig mit ihnen sind.
Mich fordern diese Fragen heraus. Viel zu oft wähle ich meine Bequemlichkeit anstatt meine Komfortzone zu verlassen und großzügig gegenüber anderen zu sein. Aber ich werde daran erinnert, dass das nicht Jesu Art ist. Ich bete, dass der Herr sein Skalpell weiterhin in meinem Herzen ansetzt, um es mehr wie das von Jesus zu machen.
Eines meiner liebsten alten Kirchenlieder ist „When I Survey the Wondrous Cross“ (wörtlich: Wenn ich das wunderbare Kreuz betrachte) von Isaac Watts. Im letzten Vers heißt es wörtlich übersetzt:
Wäre das ganze Reich der Natur mein,
das wäre ein viel zu kleines Opfer;
Liebe, so erstaunlich, so göttlich,
verlangt meine Seele, mein Leben, mein Alles!
Wir müssen nicht alles hergeben, was wir besitzen. Aber wir sind dazu berufen, großzügig zu sein, weil wir wissen, dass uns alles, was wir haben, von Gott geschenkt wurde, damit wir es weise verwalten. Gott sieht, was wir geben und was wir lieber zurückhalten. Er kennt unsere Herzen. Wir sind dazu berufen, Frauen zu sein, die auf die großartige Großzügigkeit Gottes reagieren, indem sie anderen gegenüber großzügig sind und alles für Christus geben.
Julie





